Drucken 

Paddington banner

 

Eine asylrechtliche Betrachtung

Der verwaiste Bär Paddington lebt im „dunkelsten Peru" bei seiner Tante und seinem Onkel. Ein Erdbeben, bei dem sein Onkel stirbt, zerstört seine Heimat. Da seine Tante nicht mehr in der Lage ist für ihn zu sorgen, versteckt sie ihn auf einem Schiff, das ihn nach London bringt.


Die Flüchtlingsthematik wird im aktuellen Kinofilm „Paddington" in einer historischen Anspielung deutlich: Paddingtons Tante Lucy hängt ihm vor seiner Abreise ein Schild um den Hals, mit der Aufschrift: „Bitte kümmern Sie sich um diesen Bären, vielen Dank!". Sie ging davon aus, dass man ihm in London helfen würde. Denn 1938/39 retteten die Kindertransporte nach Großbritannien mehr als 10 000 jüdischen Kindern aus Deutschland, Österreich und Polen das Leben.


Die Geschichte von Michael Bond ist schon fast 60 Jahre alt und doch aktuell. Elyas M'Barek spricht die deutsche Synchronstimme von Paddington und sagt zum Film: „Es ist ein Familienfilm, der unterhalten soll. Die Zuschauer sollen mit einem guten Gefühl aus dem Kino kommen. Wenn man aus dem Film aber auch eine Message zum aktuellen Umgang mit Flüchtlingen ziehen kann, ist das ein willkommener Nebeneffekt."1

Paddington als "Wirtschaftsflüchtling"

Deshalb fragen wir uns, wie es Paddington bei uns ergehen würde. Was wäre, wenn Paddington auf der Suche nach einem neuen Zuhause nicht in London, sondern in Hamburg angekommen wäre?
Paddington flieht wegen der schweren Folgen eines Erdbebens aus Peru. Da er „nur" eine für sich selbst individuell bessere Lebenssituation sucht, wäre er ein sogenannter „Wirtschaftsflüchtling".
Paddington ist ein Bär. Das alleine ist schon ganz schön auffällig. Aber auch als unbegleiteter, minderjähriger Flüchtling würde er vermutlich schnell von der Polizei aufgegriffen werden.
Wie Paddington fliehen jedes Jahr tausende unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Deutschland. Sie fliehen zum Beispiel vor der Angst als Kindersoldaten rekrutiert zu werden, vor Zwangsheirat oder drohender Genitalverstümmelung.
Paddington würde von der Polizei zum Jugendamt gebracht werden. Dort fände zunächst das sogenannte Clearingverfahren statt. Dabei werden Alter, Identität und Gesundheitszustand des kleinen Bären festgestellt.

 

Altersfeststellung - Her mit der Tatze!Paddington - Her mit der Tatze

Ob Paddington wohl an seinen Reisepass gedacht hat? Oder an seine Geburtsurkunde? Denn nur so kann zweifelsfrei festgestellt werden, wie alt er ist.
Wenn Paddington sein Alter nicht zweifelsfrei beweisen kann, wird eine Altersfeststellung vorgenommen.
Eine exakte medizinische Altersfeststellung gibt es nicht. Oft werden veraltete Methoden wie das Röntgen der Handwurzel herangezogen. Für den wachsenden Kinderkörper ist eine solche Strahlenbelastung nicht unerheblich und wurde von der Bundesärztekammer schon vor Jahren als völlig untauglich abgelehnt2.

Statt im Sinne des Schutzes von Minderjährigen das Alter anzunehmen, welches ihrem persönlichen Schutzbedürfnis entspricht, werden viele Minderjährige für volljährig erklärt, müssen mit Erwachsenen in Gemeinschaftsunterkünften zusammenleben und erhalten keine altersentsprechende Betreuung oder Schulbildung. 
Wenn Paddingtons Tatze auf den Röntgenbildern „jung genug" aussieht, bestimmt das Jugendamt einen Vormund. Dieser kann das Asylverfahren für Paddington einleiten. Sobald Paddington 16 Jahre alt ist, muss er seine Angelegenheiten selbstständig regeln. Während Kinder außerhalb des Asylverfahrens bis zur Vollendung ihres 18. Lebensjahres besonders geschützt sind, muss Paddington schon viel früher auf eigenen Tatzen stehen.


Zusätzlich muss geklärt werden, ob der bärige Migrant schon in einem anderen Mitgliedsstaat Asyl beantragt hat. Nach der sogenannten „Dublin III" -Verordnung muss ein erwachsener Flüchtling in den Staat zurück, in den er zuerst eingereist ist.
Der Artikel 8 IV der Dublin III-Verordnung schützt unbegleitete minderjährige Flüchtlinge besonders, indem er den Staat für zuständig erklärt, in dem sich der Flüchtlinge befindet, auch wenn er bereits in einem anderen Land erstmals europäischen Boden betreten hat. Für Paddington wäre aber ohnehin Deutschland zuständig, da er zuvor in keinem solchen sicheren Drittstaat war.
Nun wird entschieden, ob Paddington eine Aufenthaltserlaubnis oder lediglich eine Duldung erhält. Oft erhalten unbegleitete minderjährige Flüchtlinge keinen Aufenthaltstitel und sind deshalb grundsätzlich ausreisepflichtig3.

Weil der Schutz von Kindern aber besonders wichtig ist, erhält Paddington bis zur Vollendung seines 18. Lebensjahres eine Duldung.

 

Ein richtiges Zuhause für Paddington?

 

Das Jugendamt stellt für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge spezielle Unterkünfte bereit, in denen auf die Bedürfnisse von Kindern eingegangen wird. Allerdings sind viele dieser Unterkünfte derzeit überfüllt, weshalb junge Flüchtlinge oft auch in Gemeinschaftsunterkünften für Erwachsene untergebracht werden.

Es besteht zwar die Möglichkeit, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Pflegefamilien unterzubringen, dies ist für die Familien jedoch mit großem Aufwand verbunden. Deshalb kommen in Deutschland nur die allerwenigsten jungen Flüchtlinge in privaten Haushalten unter. Es wäre also schwer für Paddington, ein Zuhause wie in der Familie Brown zu finden.
Zusammenfassend lässt sich zu Paddingtons Fall sagen, dass er als sogenannter "Wirtschaftsflüchtling" entgegen gängiger Meinung nicht asylberechtigt wäre. Für den kleinen Bären, der sich so gerne in die Gesellschaft eingefügt hätte, wäre im Rahmen der jetzigen Asylpolitik kein Platz in Deutschland.

Im Film jedoch bekommt Paddington schließlich ein Zuhause bei Familie Brown, in dem Sinne wie es der Antiquitätenhändler Mr. Gruber beschreibt: „Ein richtiges Zuhause bedeutet viel mehr, als nur ein Dach über dem Kopf zu haben."

 


 

http://top.de/news/0Oju-elyas-m-barek-entspanntes-interview-mister-paddington
2 http://www.bundesaerztekammer.de/arzt2010/media/applications/EV93.pdf
§ 50 Absatz 1, 1. Halbsatz AufenthG